Radikalumbau bei Siemens: Energiesparte wird mit Börsengang ausgelagert

Der Bau von Windrädern oder Kraftwerken bringe weitaus weniger Rendite, als es die wichtige Digital- und Softwaresparte von Siemens brächte. Auch deshalb solle nun die Energiesparte von Siemens abgespalten werden und eigenständig an die Börse gebracht werden. Auf diesen Nenner lässt sich der bevorstehende Börsengang der Siemens Energiesparte Gas & Power bringen.[i]

Siemens Presse
Siemens-Finanzvorstand Ralf P. Thomas und Siemens-Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser, mit Clarissa Haller, Leiterin Communications auf der Pressekonferenz zu den Ergebnissen des zweiten Quartals des Geschäftsjahres 2019 der Siemens AG.

Damit schlägt Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser den Weg ein, Siemens über eine Zersplitterung unterschiedlicher Börsensparten möglicherweise im Gesamtpaket an der Börse wieder höher bewertet zu bekommen.

Im Geschäftsjahr 2018, das am 30. September 2018 endete, erzielte Siemens einen Umsatz von 83,0 Milliarden Euro und einen Gewinn nach Steuern von 6,1 Milliarden Euro.[ii]

Schon heute ist Siemens bei Umsatz und Gewinn hinter anderen Technologieriesen wie Google (Alphabet Inc.) zurückgefallen. Es steht also viel auf dem Spiel für den Münchner Weltkonzern, der unter anderem auch im Schweizerischen Steuersparparadies Zug beheimatet ist.

Der Börsengang von Gas & Power soll 2020 vollzogen werden. Für die Mitarbeiter bedeutet das zunächst, das von den 380.000 Siemens-Mitarbeitern rund ein Viertel künftig in der separaten Energiesparte ausgelagert werden.

Google ist größer als Siemens

Diese Mitarbeiter repräsentieren rund ein Drittel des Siemens Gesamtumsatzes. Neben Google sind Unternehmen wie die Schweizerische ABB Konkurrenten des Münchner Aushängekonzerns.

Siemens CEO Kaeser erklärte angesichts des Megaumbaus: "Wir zerschlagen nichts, wir sorgen für neue Perspektiven".

Er wolle den Konzern ganz auf die Technologiesparte ausrichten: So solle das Kerngeschäft künftig beispielsweise auf der weiteren Automatisierung von Fabriken liegen. Die Rede ist von Digital Industries.

Dazu zählten auch Bereiche wie Smart Home, also die Vernetzung von Gebäuden, Städten und Ländern, bekannt als Smart Infrastructure. Städte und Länder wie Dubai sind hier Vorreiter, aber auch einige andere.

Einschnitte

Wie immer bei Megaumbauten geht es nicht ohne die berühmten schmerzhaften "Einschnitte", was Entlassungen bedeutet. Die Rede ist von rund 10.000 Stellen die zunächst gestrichen werden sollen.

Gleichzeitig betont Kaeser, man wolle angeblich mittelfristig wieder 20.000 neue Jobs schaffen.

Kein Wunder, dass Siemens Gesamtbetriebsratschefin Birgit Steinborn für die Belegschaft wie den Konzern von einer "Zeitenwende" spricht.

Auch Kaeser sieht das so: "Das ist ein grosser Schritt, aber wir sind überzeugt, dass wir ihn jetzt gehen müssen."

Von dem Umbau betroffen ist ebenso eine Beteiligung in Höhe von 59 Prozent an der spanischen Windkraft-Tochter Siemens Gamesa. Sie solle in eine eigene Firma ausgegliedert werden.

30 Milliarden Euro Umsatz der Energiesparte

Der Energiezweig von Siemens soll künftig 88.000 Mitarbeiter beschäftigen und 27 bis 30 Milliarden Euro Umsatz erzielen.

Als ein in seiner Bedeutung zurückgehendes Geschäft stuft man bei Siemens den Bereich Gas- und Dampfturbinen ein. Ein Zweig, in dem schon Tausende Stellen gestrichen worden sind.

Der Umsatz von 27 bis 30 Milliarden Euro im Bereich Gas & Power gliedert sich mit einem Drittel auf den Bereich Stromerzeugung und Erneuerbare Energien auf. Ein Fünftel des Umsatzes entfalle auf die Hochspannungsnetze.

Hochspannungsnetze werden in Deutschland von Verteilnetzbetreibern betrieben. Für die Verteilnetz Konzerne muss jeder deutsche Haushalt und jede Firma gesetzlich vorgeschrieben über die Stromrechnung Verteilnetzgebühren bezahlen. Das entspricht rund 25 Prozent der Stromrechnungen.

Jürgen Kerner sieht keine Alternative

Jürgen Kerner von der mächtigen deutschen Industriegewerkschaft IG-Metall, der auch als Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat von Siemens sitzt, sieht keine Alternative zum bevorstehenden Radikalumbau:

"Es entsteht ein Unternehmen, das trotz mancher Unwägbarkeiten insgesamt die besseren Perspektiven für die Beschäftigten bietet" wird der IG-Metall-Hauptkassierer zitiert.

Bliebe der Energiebereich im derzeitigen Gesamtkonzern, sehe man für die Energiesparte keine große Zukunft: Gas & Power würden so untergehen, beziehungsweise "verhungern". Schon der Verkauf der Siemens Kraftwerks-Sparte an den japanischen Konzern Mitsubishi Hitachi hatte für große Diskussionen gesorgt.

Intern wird das noch nicht benannte Börsenkind Gas & Power derzeit als "Siemens Power House" bezeichnet.

Von Houston nach Germany

Künftig wolle das Mutterhaus, die Siemens AG, maximal 49 Prozent der Aktien an diesem Powerhaus halten. Die restlichen Aktien sollten bisherige Siemens-Aktionäre erhalten. Dauerhaft solle wenigstens eine Sperrminorität von 25 Prozent bei der Siemens AG verbleiben. Das führte wiederum der Siemens Chief Financial Officer (CFO), Ralf Thomas, aus.

Bislang wurde die Energiesparte von Siemens aus dem amerikanischen Bundesstaat Texas geleitet und dort aus der Öl Metropole Houston. Das wird sich aber wohl ebenso ändern. Die neue Konzernleitung solle in Deutschland angesiedelt sein. Das war eine der Voraussetzungen für die Zustimmung der Arbeitnehmervertretung zum Börsengang.

Zuständig für Gas & Power bei Siemens ist bislang die Amerikanerin Lisa Davis. Auch sie feiert die Abspaltung mit den Worten, man erlange so mehr Freiheit und Flexibilität.

Vision 2020

Der gesamte Siemens-Umbau läuft unter der Mantra "Vision 2020". Trotz der groß beschworenen Wachstumssparte Digitales sollen jedoch auch bei Smart Infrastructure angeblich bis zu 4900 Stellen auf der Kippe stehen.

Mit der Softwaresparte sollen künftig rund 14 bis 18 Prozent Rendite erzielt werden, lauten interne Spielmanöver. Derzeit sollen es rund 10,6 Prozent sein.

Zum Baumschlag kommt es zudem in der zentralen Siemens Verwaltung. Hier könnten 2500 von 12.500 Stellen wegfallen.

Ist der Umbau erfolgreich abgeschlossen, hoffe man, so Kaeser, damit alleine bis 2023 rund 2,2 Milliarden Euro einsparen zu können.

Einzelnachweise

[i] ABB-Konkurrent: Siemens bringt Energiesparte an die Börse, in: Cash.ch vom 8.5.2019. Abgerufen am 9.5.2019.

[ii] Siemens AG: Siemens baut fokussierten Energieriesen und steigert Leistungsfähigkeit weiter, Pressemitteilung der Siemens AG vom 7.5.2019. Abgerufen am 9.5.2019.

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