Richter senkt Strafe gegen Bayer Produkt Roundup von 80 Mio. auf 20 Mio. Dollar

Das juristische Hickhack um das einstmals in den USA erfundene Unkrautvernichtungsmittel «Roundup herbicide», welches das umstrittene Glyphosat enthält, geht in die nächste Runde.

https://www.monsanto-ag.co.uk/
So wird das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel Roundup in Großbritannien für Farmer oder Gärtner vermarktet.

Der deutsche BASF-Konzern hatte das Produkt im Rahmen der Übernahme des US-Superkonzerns Monsanto trotz Wissens um die juristischen hochheiklen Probleme übernommen. Seitdem leiden Aktionäre, da der Aktienkurs in der Tendenz deutlich gefallen ist.

Jedenfalls senkte nun ein amerikanischer Bundesrichter in einem Rechtsstreit zwischen dem deutschen Pharmagiganten Bayer AG, der 2018 den US Agrochemieriesen Monsanto gekauft hatte, und Klägern, die behaupten, das Herbizid Roundup habe ihren Krebs verursacht, eine Auszahlung. So verringerte sich die Strafe von 80 Millionen US-Dollar (71,4 Millionen Euro) auf für deutsche Verhältnisse immer noch sehr hohe 20 Millionen Dollar (17,8 Millionen Euro).[i]

Der zustände US-Bezirksrichter Vince Chhabria erklärte in San Francisco, dass der von Bayer an Kläger Edwin Hardeman geschuldete Schadensersatz zwar bei 5,27 Millionen US-Dollar bleibe. Gleichzeitig würde aber der Strafschaden von 75 Millionen auf 20 Millionen US-Dollar verringert.

Chhabria sagte, Monsanto habe es "verdient, bestraft zu werden". Grund: Das einstige US-Unternehmen habe Sicherheitsbedenken im Umgang mit dem Unkrautvernichtungsmittel ignoriert. Deshalb empfinde er auch das Verhalten von den verantwortlichen Monsanto-Managern als "verwerflich".

Dies deutet darauf hin, dass es ebenso darum geht, wie das Unkrautvernichtungsmittel verwendet wird – beispielsweise mit entsprechender Schutzkleidung oder nicht. So versprühen auch auf dem heimischen Balkon viele Nutzer beispielsweise an ihren Rosenstöcken Schädlingsbekämpfungsmittel ohne größere Vorsicht.

Beweise

Gleichzeitig argumentierte der Richter, er empfinde das Verhältnis von Straf- zu Schadensersatz als zu hoch. Dies empfinde er «insbesondere in Ermangelung von Beweisen, die die vorsätzliche Verschleierung eines bekannten, belegen oder offensichtliches Sicherheitsrisikos» in ausreichendem Maße glaubhaft machten.

Chhabria verwies darauf, dass es nach wie vor gemischte wissenschaftliche Beweise gebe, ob die Exposition gegenüber dem in den USA als «Roundup» vermarkteten Unkrautvernichtungsmittel ein Risikofaktor für das Non-Hodgkin-Lymphom sei.

- Unter der Sammelbezeichnung Non-Hodgkin-Lymphom (NHL) werden alle bösartigen Erkrankungen des lymphatischen Systems (maligne Lymphome) zusammengefasst, schreibt Wikipedia Deutschland. [ii]

Kritik am Unternehmen

Zudem erklärte der Richter in seinem Urteil: «Die Beweise im Prozess zeichnen das Bild eines Unternehmens, das sich darauf konzentriert, die Menschen, die Bedenken äußerten, anzugreifen oder zu untergraben. Das Papier stellte fest, dass Bayer zwar zwei weitere Fälle im Zusammenhang mit Roundup verloren hat (in einem Fall mit einem Preisgeld von über 2 Milliarden US-Dollar) und mit Tausenden anderen konfrontiert ist, die Auszahlungen jedoch nur begrenzt erfolgreich waren».

So sei es Monsanto-Käufer Bayer gelungen, das erste Urteil einer amerikanischen Roundup-Gerichtsjury im Fall eines Klägers aus der San Francisco Bay von 289,2 Millionen US-Dollar auf 78,5 Millionen US-Dollar zu senken.

Zudem bemühe sich Bayer nach wie vor darum, das andere Urteil mit einer Strafe von 2 Milliarden US-Dollar ebenfalls gekürzt zu bekommen. Die 2 Milliarden US-Dollar waren einem Ehepaar zugesprochen worden, das ebenfalls Roundup jahrelang wohl mangelnd geschützt genutzt hatte.

«Mr. Hardemans Prozess»

Im aktuellen Prozess, der in US-Medien als «Mr. Hardemans Prozess» bezeichnet wird, versuchten die Geschworenen, zwischen Krebs-Vorwürfen und wissenschaftlichen bisherigen Erkenntnissen abzuwägen und herauszufinden, ob es einen Zusammenhang zwischen Roundup und dem Entstehen von Non-Hodgkin-Lymphom im Falle mangelnder Schutzvorkehrungen gibt.

Derzeit sollen noch 13.000 Klagen gegen Bayer wegen Monsanto anhängig sein. Doch geht es Kritikern nicht nur um Monsanto. Ein Leipziger Unternehmer sagte gegenüber Stromanzeiger.de:

«Viele Pestizide führen unverhältnismäßig hoch dazu, dass es kaum noch Insekten beispielsweise hier in der Region gibt». So sei beispielsweise seine Windschutzscheibe früher auf dem Land von Insekten übersät gewesen.

Kaum mehr Insekten auf der Windschutzscheibe

Heute jedoch fahre er über die Lande und habe fast keine Insekten mehr auf der Windschutzscheibe. Natürlich sei deshalb der überzogene Einsatz von Pestiziden jeglicher Couleur ein großes Problem.

Ähnliche Diskussionen gibt es im Nachbarland Schweiz: So wird beispielsweise die beliebteste Apfelsorte der Schweiz, der «Gala» [iii], pro Jahr bis zu 20 Mal mit Pestiziden im Kampf gegen Insekten, Würmer, Mehltau, Schimmel etc. bespritzt. [iv]

Auch zahlreiche andere Schweizer Apfelsorten werden ähnlich häufig bespritzt, berichtete unlängst eine Studie. Grund: Die meisten Schweizer lieben zwar Werbung rund um die schöne Schweizer Natur. Aber einen Apfel mit Makeln mag die Mehrheit der Schweizer nicht kaufen. Schon bei kleinsten Macken oder braunen Stellen bleiben die Äpfel in den Regalen der Einzelhändler liegen.

Äpfel werden teils über 20 Mal mit Pestiziden bespritzt

Doch nicht nur in der Schweiz, sondern auch der Europäischen Union werden Äpfel massiv mit Pestiziden bespritzt, um den Verbrauchern den perfekten makellosen Apfel in die Regale legen zu können. Die Rede ist pro Saison von bis zu 32 Pestizid-Gängen auf den Apfelplantagen Europas. [v]

Nach wie vor wird Roundup auch in Europa von Tausenden Bauern und Privatbürgern genutzt. So bewirbt beispielsweise der Schweizer Onlineshop gardenrex.ch‎ (Motto: «So macht Garten Freude») in einer Google Adsense-Anzeige Roundup als «Profi-Unkrautvernichter». Schon ab circa 14 bis 20 Euro können Gärtner oder Farmer Roundup «für Haus und Garten» dort kaufen.

Roundup biete eine «wurzeltiefe Wirkung für nachhaltige Unkrautvernichtung im Garten und Rasen». Ideal sei das Produkt «auch bei Rasen Renovationen oder Sanierungen im Garten», so gardenrex.ch.

Der Shop weist aber vorsorglich darauf hin, dass «Herbizide vorsichtig» verwendet werden sollten. Vor Verwendung solle man «bitte Etikette und Produktinformation lesen».

Großes Problem für die Landwirtschaft

Ein großes Problem für die Landwirtschaft ist nach wie vor: Es gibt kaum effektive Unkrautvernichtungsmittel, die flächendeckend zwar nicht gewünschtes «Unkraut» vernichten, aber Roggen, Reis, Hafer oder Maispflanzen nicht angreifen. Montana schreibt dazu auf seiner Homepage zu dem als «Ernteschutz» vermarkteten umstrittenen Produkt Roundup, beziehungsweise «Roundup Power».

«Die Technologie enthält Gene, die eine Toleranz gegenüber Glyphosat verleihen, einem Wirkstoff in Agrarherbiziden der Marke Roundup®. Landwirtschaftliche Herbizide, die Glyphosat enthalten, töten Pflanzen, die Glyphosat nicht vertragen.» Angewendet wird Roundup von Farmern beispielsweise im Bereich des Anbaus von Sojabohnen, Baumwolle, Mais, Zuckerrüben oder Erdnüssen.

Es geht auch mit Harke

Gerade für Privatgärtner empfiehlt aber beispielsweise Dr. Christina Pickl vom Umweltbundesamt (UBA) wonach man gerade im privaten Umfeld nach wie vor Unkraut auch einfach per Hand im privaten Garten rausrupfen könne, ohne chemische Keule:

«Gartenliebhaber sollten missliebige Kräuter lieber ausrupfen oder die Hacke durch den Boden ziehen. Das gelte auch für den Kampf gegen Moos: ‘Wer im Frühjahr vertikutiert oder den Rasen mit dem Rechen bearbeitet, hat das Gröbste bereits entfernt», zitiert das Hamburger Abendblatt die Fachfrau. [vi]

Bei chemischen Unkrautvernichtungsmitteln wie Eisen-II-Sulfat empfehle man «Schutzhandschuhe, ein Schutzanzug, eine Brille und eine Gesichtsmaske mit Atemschutz».

Schutzhandschuhe

Wirklich schwierig ist es, herauszufinden, wie denn nun Roundup genutzt werden soll – ob mit oder ohne Schutzkleidung. Im Internet fanden wir dazu kaum Hinweise.

Schließlich rufen wir eine Bayer-Hotline an. Hier erklärte uns ein Mitarbeiter.

«Wir vertreiben derzeit Glyfos® Best, das ist das gleiche wie Roundup. Da muss man Schutzhandschuhe tragen, um mit der Flüssigkeit nicht in Berührung zu kommen. Man kann natürlich auch eine Schutzbrille tragen. Vorgeschrieben sind aber nur Schutzhandschuhe. Eine Schutzmaske müssen aber auch Landwirte nicht tragen, die das im Feld aufsprühen. Alle Informationen sind auf den Gebrauchsanweisungen und dem Sicherheitsdatenblatt zu lesen».

Das Unkrautvernichtungsmittel «Glyfos® Best» vermarktet Bayer als «nicht selektives Herbizid für Feld-, Obst-, Wein-, Gemüse- und Zierpflanzenbau sowie Forstwirtschaft und Biodiversitätsförderflächen».

Längere Recherche im Internet

Wie aber Produkte wie «Glyfos® Best» oder eben das faktisch gleiche Mittel «Roundup» anzuwenden sind und wo die Gefahren sind, finden wir erst detaillierter nach längerer Recherche im Internet auf einem Sicherheitsdatenblatt von Roundup in Großbritannien. Hier lesen wir in einem «Monsanto Safety Data Sheet» der MONSANTO Europe S.A./N.V. zur Gefahrenlage:

«Roundup® ProActive Version: 1.2 Gültigkeitsdatum: 04.05.2017: Augenkontakt, kurzfristig: Es ist nicht zu erwarten, dass dies zu erheblichen nachteiligen Auswirkungen führt…. Hautkontakt, kurzfristig: Bei Hautkontakt sind keine nennenswerten Nebenwirkungen zu erwarten…. Einatmen, kurzfristig: Es ist nicht zu erwarten, dass bei entsprechender Empfehlung erhebliche nachteilige Auswirkungen auftreten».

Zudem lesen wir: «Bei der Verwendung (von Roundup) nicht essen, trinken oder rauchen. Waschen Sie sich nach der Handhabung oder Berührung gründlich die Hände. Verunreinigte Kleidung vor der Wiederverwendung waschen. Reinigen Sie das Gerät nach Gebrauch gründlich. Bei der Entsorgung von Geräten darf das Spülwasser nicht in Abflüsse, Kanäle und Wasserwege gelangen.»

Außerdem wird weiter ausgeführt:

«Augenschutz: Keine besondere Anforderung bei bestimmungsgemäßer Verwendung. 8.3.2. Hautschutz: Bei wiederholtem oder längerem Kontakt: Tragen Sie chemikalienbeständige Handschuhe. Chemikalienbeständige Handschuhe sind solche aus wasserdichten Materialien wie Nitril, Butyl, Neopren, Polyvinylchlorid (PVC), Naturkautschuk und/oder Barrierelaminat. 8.3.3. Atemschutz: Keine besondere Anforderung bei bestimmungsgemäßer Verwendung. Wenn empfohlen, konsultieren Sie den Hersteller der persönlichen Schutzausrüstung für die geeignete Art von Ausrüstung für eine bestimmte Anwendung.»

Einzelnachweise

[i] Judge Slashes Payout in Roundup Lawsuit, But Calls Monsanto's Conduct 'Reprehensible', von

Tom McKay, in: gizmodo.com vom 15. Juli 2019. Abgerufen am 16. Juli 2019.

[ii] Non-Hodgkin-Lymphom (NHL), in: Wikipedia Deutschland. Abgerufen am 16. Juli 2019.

[iii] Die Top 10 der beliebtesten Schweizer Apfelsorten, Schweizer Rundfunk SFR vom 18. September 2018. Abgerufen am 16. Juli 2019.

[iv] Bauern in der Giftfalle: Wie sich die Schweiz von Pestiziden abhängig machte, von Carole Koch und Michael Furger, in: Neue Zürcher Zeitung NZZ am Sonntag vom 22. Juni 2019. Abgerufen am 16. Juli 2019.

[vi] Herbizide: Vorsicht bei Gifteinsatz im Garten, von Angelika Hillmer, in: Hamburger Abendblatt Online vom 19. Mai 2012. Abgerufen am 15. Juli 2019.

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