Ausgedreht! Bis zu 730 Windräder in Sachsen vor dem Aus

Die Windkraft ist Baustein für die Energiewende. Doch das Auslaufen der Förderung bedroht unzählige Anlagen. Ein Großteil könnte dann vom Netz gehen, so auch in Sachsen.

Bild: pixabay/falkenpost
Zahlreichen Windrädern droht in Sachsen das Aus.

Wie die Leipziger Volkszeitung am 1. November 2018 im Artikel "Hunderte Windräder in Sachsen vor dem Aus" berichtete, droht bis zu 730 Windrädern in den kommenden Jahren in Sachsen die Abschaltung. [1]

Nicht, weil sie defekt sind, sondern weil sie sich durch den Auslauf von Subventionen für die Betreiber nicht mehr lohnen, droht die Abschaltung und letztlich die Entsorgung. [2] Denn was die wenigsten Verbraucher wissen: Die Betreiber der Windräder verdienen nicht mit Stromerzeugung, sondern durch die Subventionen. „Diese Anlagen sind für die Betreiber dann nicht mehr lukrativ und werden mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit vom Netz gehen“, bestätigt auch der sächsische Grünen-Energieexperten und Landtagsabgeordnete Gerd Lippold auf Anfrage der Leipziger Volkszeitung. [3]

Aus für Windkraftanalgen eine Gefahr für die Energiewende

Aktuell drehen sich etwa 921 Windräder in Sachsen. [4] Da aber nach 20 Jahren Laufzeit die Einspeisevergütung der Anlagen durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eingestellt wird, droht das Aus für 356 Windräder bis zum Jahr 2021, bis 2031 die Außerbetriebsetzung von insgesamt 730 Anlagen. Ein Szenario, welches einen großen Teil der Energiewende in Sachsen und letztlich in Deutschland gefährden würde. [5] Der Grünen-Experte Lippold sieht die Energiewende-Ziele in Schall und Rauch aufgehen. So kritisiert er auch, dass vor diesem Hintergrund im Jahr 2017 nur 16 neue Windkraftanlegen im Freistaat errichtet wurden. [6]

Eingeschränkte Regelbarkeit der Windenergie erschwert Marktwertfestlegung

Der Knackpunkt bezüglich eines unsubventionierten Weiterbetriebs ist der Strompreis ab 2021, den heute noch niemand kennt. Die alten Windkraftanlagen, deren Rotoren sich seit 20 Jahren drehen, verlieren zwar ihre Förderung nach dem EEG, aber nicht ihre Betriebserlaubnis. Sie könnten weiterarbeiten, wenn es sich lohnt. Der Marktwert für Windstrom lag laut der Studie „Was tun nach 20 Jahren?“ der Fachagentur Windenergie im Jahresmittel 2017 bei 2,77 Cent je Kilowattstunde (kWh) und dürfte nicht ausreichen, die Anlagen ohne Subventionen in Betrieb zu halten. Hinzu kommt, dass Windkraftanlagen nach 20 Jahren im Verschleiß anfälliger sind und natürlich auch wartungsintensiver, was wiederum höhere Kosten für die Betreiber verursacht. [7]

Der sogenannte Marktwert dient als Indikator zur Erhebung der Erlöse der erneuerbaren Energien (EE) am Strommarkt. Das Grundproblem jeglicher EE ist dabei die eingeschränkte Regelbarkeit, so das Fraunhofer Institut in der „Leitstudie Strommarkt“ zu dem Thema. Die EE können im Unterschied zu konventionellen Kraftwerken nicht verbrauchsorientiert produzieren und damit auch nicht von hohen Preisen am Strommarkt profitieren. Hinzu kommt, dass die Einspeisung von EE in einzelnen Stunden (bei Wind oder bei Sonne) einen senkenden Einfluss auf den Börsenpreis hat und somit den eigenen Marktwert reduziert. Es kann also nicht einfach davon ausgegangen werden, dass sich der Marktwert der EE parallel zum generellen Marktpreisniveau entwickelt. [8]

Der Marktwert für Strom aus Windenergieanlagen an Land nimmt nach seinem Hoch in 2012 tendenziell ab. Auch in den kommenden Jahren wird der Prognose zufolge der Preis je Kilowattstunde weiter sinken.fachagentur-windenergie.de

Denkmodelle: Möglicher Weiterbetrieb

Ein technisch durchaus möglicher Weiterbetrieb wird seit einiger Zeit in der Windkraftbranche diskutiert. So werden, wie oben bereits erwähnt, Wartungs- und Unterhaltskonzepte in Abhängigkeit von den erhofften Erlösen im Rahmen geltender europäische und deutscher Gesetze geprüft.

Die europäischen Umwelt - und Energiebeihilfeleitlinien würden einer Weiterförderung nicht grundsätzlich entgegenstehen, wenn diese als Maßnahme zur Erreichung der Klimaschutzziele konzipiert wird und dabei sowohl klimapolitisch als auch volkswirtschaftlich zielführend ist, so die Fachagentur Windenergie in ihrer Studie. Ins Spiel gebracht werden von der Agentur, unter Berufung auf die Veröffentlichung der Stiftung Umweltenergierecht „Beihilferechtliche Spielräume für eine Weiterförderung von Anlagen zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien“, eine Marktprämie oder eine reduzierte Stromsteuer bei den Altanlagen. [9]

Eine Marktprämie ist ein Anreizmodell, welches die Betreiber zu einer verstärkten Einspeisung bei hoher Nachfrage veranlassen soll. Bei normaler Nachfrage wird den Windanlagen-Betreibern eine Abnahmepflicht und Vergütung durch Netzbetreiber garantiert. Dadurch könnte auch der Marktwert für Windstrom verbessert werden [10]

Keine guten Prognosen für Windenergiestrom

Aktuelle Prognosen gehen von sinkenden Marktwerten des Windenergiestroms aus. Die geschätzten Erlösanforderungen von bis zu 4 Cent pro kWh für einen wirtschaftlichen Weiterbetrieb würden demnach nicht erreicht. Die Fachagentur Windenergie vermutet zudem, dass nur etwa 20 bis 25 Prozent der alten Windenergieanlagen weiter betrieben werden können, da diese im unteren Bereich der Wartungs- und Betriebskosten lägen. Alle anderen Anlagen hätten nach Schätzungen zu hohe Betriebskosten. [11]

Der Wald muss weg um Klimaziele zu erreichen

Laut des seit 2012 geltenden Energie- und Klimaprogramms (EKP) der Bundesregierung muss Sachsen seinen Anteil an erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2023 auf 28 Prozent steigern. Aktuelle sind es 22 Prozent. Mit abgeschalteten und abgebauten Windrädern ist dies natürlich nicht zu schaffen.

Während der Abgesang auf die alten Windräder in den kommenden Monaten und Jahren immer lauter wird, macht sich der Freistaat daran, neue Flächen für neue Windräder zu erschließen. Eine Potenzialanalyse der sächsischen Staatsregierung besagt, dass bis zum Jahr 2030 zwischen 225 und 525 neue Windräder in die Landschaft gebaut werden sollen. Dazu sei es unbedingt notwendig, dass ein Prozent des sächsischen Waldes gerodet werden muss. [12]

Legt man allein die Fläche des Staatsbetriebes Sachsenforst mit insgesamt 520.210 Hektar zu Grunde, so wären nach Schätzungen von stromanzeiger.de etwas mehr als 5.200 Hektar Wald (ein Hektar entsprechen 10.000 Quadratmetern) von Abholzung für neue Windräder bedroht. [13] Zum Vergleich: Der durch einen Braunkohletagebau bedrohte Hambacher Forst besitzt eine Größe von 200 Hektar. [14]

Den Grünen in Sachsen reichen die Planungen jedoch nicht aus: „Der drohende Rückbau wird im Abstimmungsprozess für ein neues Energie- und Klimaprogramm der Staatsregierung nicht hinreichend berücksichtigt“, so Lippold. [15]

Weniger Waldrodungen durch Repowering?

Die weitere Nutzung des gleichen Standorts mit neuen Anlagen wäre auch eine Möglichkeit. Solange sie weiterhin den gesetzlichen Grundlagen entsprechen. Beispielsweise spielt die Entfernung zu Wohnhäusern eine wichtige Rolle. Das sogenannte Repowering bedeutet, dass innerhalb der schon genutzten Windparkflächen, neue Anlagen entstehen können und die alten Anlagen ersetzen. Oder neue Komponenten die alten Anlagen auch modernisieren könnten. Dadurch könnte das Abholzen weiterer Waldflächen in Sachsen verhindert beziehungsweise deutlich verringert werden. Durch die technische Entwicklung kann es möglich sein, dass sogar weniger Anlagen errichtet werden müssen, um gleich viel oder mehr Strom produzieren zu können. [16]

Windkraft in der Kritik

Windkraftanlagen mit einem Rotordurchmesser von bis zu 110 Metern hinterlassen im Ökosystem ihre Spuren. In einer aktuellen Studie des Indian Institute of Science in Bengaluru, veröffentlicht in "Nature Ecology & Evolution" [17], werden die Auswirkungen von Windfarmen auf die Tierwelt untersucht.

So fanden die Forscher heraus, dass die Anzahl der Raubvögel in Gebieten mit Windparks geringer ist als in Gebieten ohne Windenergienutzung. Zudem verringerten die verbliebenen Raubvögel ihre Jagdaktivitäten. Das hat zur Folge, dass die Populationsdichte einiger bodenbewohnender Beutetierarten, etwa Eidechsen, enorm zunahm. Eine stabile Jäger-Beute-Population wird durch die Windkraftanlagen gefährdet. Nahrungsnetze einer Region können dadurch massiv beeinflusst werden. [18]

Mit dem Ende einer Windkraftanlage beginnt zudem der problematische Rückbau. [19] Die Rotorblätter aus Glasfaserkunstsoffen können nur als Sondermüll behandelt werden. Die Türme aus Stahl oder Beton, teilweise bis zu 160 Meter hoch, müssen aufwendig zurückgebaut werden. [20] Ferner ist es notwendig, die teils bis zu 630 Tonnen schweren Fundamente aus der Erde zu holen. [21]

Einzelnachweise:

[1] Hunderte Windräder in Sachsen vor dem Aus, von Andreas Debski, auf: Leipziger Volkszeitung Online (lvz.de) vom 01.11.2018. Abruf am 09.11.2018.

[2] Windräder: Subventionen-Geschäft, von Holger Douglas, auf: tichyseinblick.de vom 04.11.2018. Abruf am 05.11.2018.

[3] Hunderte Windräder in Sachsen vor dem Aus, von Andreas Debski, auf: Leipziger Volkszeitung Online (lvz.de) vom 01.11.2018. Abruf am 09.11.2018.

[4] Windenergie in Sachsen droht neuer Rückschlag, von Dr. Gerd Lippold, auf: gruene-fraktion-sachsen.de vom07.11.2018. Abruf 06.11.208.

[5] Alte Windräder müssen bald vom Netz, von Eckart Gienke, auf: Zweites Deutsches Fernsehen Online (zdf.de) vom 31.10.2017. Abruf am 09.11.2018.

[6] Windenergie in Sachsen droht neuer Rückschlag, von Dr. Gerd Lippold, auf: gruene-fraktion-sachsen.de vom07.11.2018. Abruf 06.11.208.

[7] Was tun nach 20 Jahren? auf: fachagentur-windenergie.de vom 28.06.2018. Abruf am 09.11.2018.

[8] Fraunhofer Institut: Leitstudie Strommarkt / Arbeitspaket 4 /Analyse ausgewählter Einflussfaktoren auf den Marktwert Erneuerbarer Energien, auf: Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. vom Juli 2015. Abruf am 13.11.2018.

[9] Was tun nach 20 Jahren?, auf: fachagentur-windenergie.de vom 28.06.2018. Abruf am 09.11.2018.

[10] Marktprämienmodell, auf wikipedia.org. Abruf am 09.11.2018.

[11] Was tun nach 20 Jahren?auf: fachagentur-windenergie.de vom 28.06.2018. Abruf am 09.11.2018.

[12] Hunderte Windräder in Sachsen vor dem Aus, von Andreas Debski, auf: Dresdner Neueste Nachrichten Online (dnn.de) vom 01.11.2018. Abruf am 09.11.2018.

[13] Aktuelle Waldfläche, auf wald.sachsen.de. Abruf am 09.11.2018.

[14] Das sollten Sie über den Hambacher Forst wissen, von Peter Carstens, auf: geo.de vom 19.08.2018.

[15] Windenergie in Sachsen droht neuer Rückschlag, von Dr. Gerd Lippold, auf: gruene-fraktion-sachsen.de vom 07.11.2018. Abruf 06.11.208.

[16] Was ist Repowering? auf: wind-turbine.com vom 07.12.2016. Abruf am 09.11.2018.

[17] Wind farms have cascading impacts on ecosystems across trophic levels, von Maria Thaker, auf: nature.com vom September 2018. Abruf am 09.11.2018.

[18] Windräder beeinflussen Zusammensetzung der Fauna enorm, auf: standard.at vom 06.11.2018. Abruf am 09.11.2019.

[19] Rückbau bei Windrädern oft mangelhaft, von Jan Körner, auf: Norddeutscher Rundfunk Online (ndr.de) vom 22.01.2018. Abruf am 13.11.2018.

[20] Turm und Mast, auf: wind-energie.de. Abruf am 12.11.2018.

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