Verbraucher 'Abzocke bei Strom und Gas': Immergrün Energie in der Kritik

Ein Autor eines der wichtigsten Leitmedien in Deutschland, der Bild-Zeitung, kritisiert die massiven Preiserhöhungen einiger deutscher Strom- und Gasanbieter im Jahr 2019 scharf. Als besonders "krasses Beispiel" führt das Blatt den Anbieter "Immergrün" - beziehungsweise "Immergrün Energie" - der 365 AG an. Ein Name, der nicht unbedingt Programm ist, wie sich hier zeigt. Dort soll nämlich die Kilowattstunde Gas für einige Kunden ab 2019 rund 50 Prozent mehr kosten, moniert die Bild und sieht bei dem seit Jahren umstrittenen Anbieter Immergrün offensichtlich mehr rot als grün.

Im Fokus der Kritik: Immergrün Energie.

Zahlreiche Energieversorger informieren derzeit ihre Kunden über steigende Strom- und Gaspreise ab 2019. Millionen Verbraucher müssen kräftig schlucken. Denn nun sind Preiserhöhungen von mehr als 20 Prozent keine Seltenheit mehr. Rückblick: Seit 2014 fielen die Strompreiserhöhungen einer Grafik von "Strom Report" zufolge eher moderat aus, im Jahr 2015 gingen sie sogar leicht zurück – jetzt der Kostenschock! [1]

In dem nun veröffentlichten Artikel der Bild-Zeitung ("So verstecken Abzockfirmen Preiserhöhungen!") geht Deutschlands größtes Boulevardblatt mit einigen Strom- und Gasanbietern hart ins Gericht. Dabei nennt die auflagenstärkste Zeitung Europas Gas- und Stromanbieter mit den saftigsten Preiserhöhungen. [2]

Basis der Berichterstattung scheinen unter anderem Meldungen der Preisvergleichsportale Check24 und Verivox zu sein, die vergangene November-Woche ihre jährlichen Presseverlautbarungen zu Strompreissteigerung oder Gaspreissteigerungen von Energieversorgern, vor allem den Grundversorgern, versendeten. [3]

Preisspirale dreht sich weiter nach oben

Beim Strom belegt die Energieversorgung Miltenberg-Bürgstadt mit einem Plus von 20,3 Prozent den ersten Platz. Auf Platz 2 und 3 folgen die Stadtwerke Arnstadt und Lekker Energie mit jeweils 14,7 Prozent. Hinter der Lekker Energie GmbH stehen die Stadtwerke Krefeld. Doch nicht nur beim Strom ziehen die Preise an, auch beim Erdgas dreht sich die Preisspirale weiter nach oben.

Laut Bild ist das Gas bei den Stadtwerken Vlotho in Nordrhein-Westfalen mit einer Erhöhung von 21,3 Prozent besonders teuer geworden. Die Gemeindewerke Baiersbronn in Baden-Württemberg erhöhen den Gaspreis im Schnitt um 21,1 Prozent und belegen damit Platz 2 im Verivox-Ranking.

Unseriöse Strom- und Gasanbieter lassen Transparenz vermissen

Je nach Verbrauch, Tarif und Anbieter können die Preiserhöhungen noch deutlich höher ausfallen. Bild bemängelt jedoch auch das intransparente Verhalten einiger Energieversorger. So ist in dem Artikel weiter zu lesen: "Seriöse Anbieter nennen in Briefen und E-Mails den bisherigen und den neuen Preis. Andere versuchen, ihre Kunden auszutricksen."

In diesem Zusammenhang kritisiert der Autor des Textes insbesondere das Geschäftsgebaren von Immergrün scharf. [4]

Der Discount-Anbieter für Strom und Gas, Immergrün Energie, ist eine 100 %-Tochter der in Köln ansässigen 365 AG. [5] Geschäftsführer der Immergrün-Energie GmbH ist Volker Engel. Das Unternehmen wirbt auf seiner wenig aussagekräftigen Webseite mit dem Slogan "Preise, bei denen Sie nicht rot sehen". [6]

Das sieht der Bild-Redakteur – anscheinend selbst Kunde bei Immergrün – offenbar anders. Er fühlt sich von dem Unternehmen gefoppt. Sein Vorwurf: Der Anbieter für Strom und Gas habe versucht, ihm versteckt "Mehrkosten von mehreren Hundert Euro pro Jahr" aufs Auge zu drücken.

Preisschock: Erdgas 50 Prozent teurer

Der Autor kritisiert vor allem die dubiose Informationspolitik des Energieversorgers. Immergrün nutze blumige Worte und "reichlich Blabla", um heftige Preiserhöhungen zu verschleiern. In den Schreiben werde "der tolle Sommer gelobt und die Zusammensetzung des Gaspreises erklärt." Der Journalist habe erst zwischen den Zeilen studieren müssen, um festzustellen, dass Immergrün Energie sein Erdgas um 50 Prozent teurer gemacht habe.

"Echt frech!" findet der Bild-Redakteur. Besonders dreist: Zwar habe Immergrün im Schreiben den erhöhten Gaspreis von "0,0800 Euro" je Kilowattstunde angegeben, allerdings habe der Vergleichswert aus dem vergangenen Jahr gefehlt. Auch die vielen Nullen seien eher ein Ablenkungsmanöver, heißt es im Artikel.

Erst ein Blick auf die alte Verbrauchsabrechnung habe die massive Preiserhöhung von Immergrün offenbart. Als Konsequenz habe der Bild-Autor sofort von seinem Sonderkündigungsrecht Gebrauch gemacht.

Immergrün reagiert nicht auf Journalistenanfrage

Der Journalist sei, schreibt er, mit Immergrün in Kontakt getreten. Er habe wissen wollen, warum die Preiserhöhung nicht klarer kommuniziert worden sei. Doch der Kundenservice von Immergrün Energie habe dem Bild-Redakteur nicht weiterhelfen können oder wollen. Auch ein Durchstellen zum Chef sei wohl nicht möglich gewesen. Eine schriftlich gestellte Presseanfrage sei ebenfalls nach längerer Zeit unbeantwortet geblieben – Immergrün stellt sich stumm!

Der Bild-Autor ist nicht der einzige Kunde mit Problemen bei Immergrün. Im Internet tummeln sich Beschwerden über das Unternehmen der 365 AG. Auf dem in Dänemark entwickelten aber dank großer Google-nähe weit verbreiteten Bewertungsportal "Trustpilot" kommt Immergrün - auf dem Portal mit "ue" als "Immergruen Energie" geschrieben - auf einen miserablen Bewertungs-Score von 1 von 5 Sternen.

Katastrophale Bewertungen zu Immergrün im Internet

Von 149 abgegebenen Stimmen (29. November 2018, 9:30 Uhr) gaben 140 Verbraucher dem Strom- und Gasanbieter eine glatte sechs (ungenügend) und 6 Verbraucher eine glatte fünf (mangelhaft). Nur 3 von 149 Bewertungen konnten sich zum Zeitpunkt der Trustpilot-Überprüfung zu einem "hervorragend", "gut" oder "akzeptabel" entschließen. [7]

Damit bewerteten 94 Prozent der Trustpilot-Nutzer Immergrün alleine mit "ungenügend". Noch schlechter geht es kaum. Einige Kritikpunkte sind fehlende oder verzögerte Bonusauszahlungen, versteckte Preiserhöhungen und ein mangelhafter Kundenservice. Einige Kunden sprechen sogar von "Abzocke".

Der Stromanzeiger empfiehlt: Sollten auch Sie in der nächsten Zeit ein Schreiben von Ihrem Energieversorger erhalten, lesen Sie es ganz genau durch. Einige Anbieter versuchen mit Hüllwörtern und Euphemismen Preiserhöhungen zu verschleiern. Vergleichen Sie gegebenenfalls die neuen Konditionen mit Altverträgen!

Sollten Ihnen die Preiserhöhung zu hoch sein, haben Sie zwei Wochen Zeit, um das Sonderkündigungsrecht zu nutzen. Auf Vergleichsportalen wie Verivox und Check24 finden Sie schnell einen meist günstigeren Anbieter.

Immergrün bezieht auf Presseanfrage keine Stellung zu Vorwürfen

Eine Bitte von Stromanzeiger.de um Stellungnahme der Firma 365 AG beziehungsweise der Immergrün Energie zu dem Sachverhalt blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Auch eine Anfrage bei dem Portal "Marktwächter Energie" der Verbraucherzentrale Niedersachsen zum Geschäftsgebaren von Immergrün wurde bislang nicht erwidert.

Dabei ist die dort beschäftigte Tiana Preuschoff, "Energierechtsexpertin im Projekt Marktwächter Energie der Verbraucherzentrale Niedersachsen" sonst immer gern und schnell dabei öffentlich Kritik an Energieversorgern zu äußern.

Hochschulprofessor aus Magdeburg mischt bei 365 AG mit

Nach eigenen Angaben aus einer Presseverlautbarung aus dem Jahr 2015 sei die "365 AG ein unabhängiger Energieversorger mit Sitz in Köln." Zur 365 AG gehörten "die Gesellschaften immergrün! Energie GmbH, Almado Energy GmbH, Meisterstrom-Service GmbH und Ideal Energie GmbH." Vorstand dort seien Antoine Werner Beinhoff und Ines Melina Hoerner. [8]

Im aktuellen Impressum der 365 AG werden als Vorstände mittlerweile jedoch Volker Engel und Ines Melina Hoerner genannt (Stand: 28. November 2018). [9]

Aufsichtsrat (Vorsitzender) der 365 AG sei ein Prof. Dr. Erwin Albers, der als "Prof. Dr. Erwin Jan Gerd Albers" an der kleinen Fachhochschule "Hochschule Magdeburg-Stendal" einen Lehrstuhl in Wirtschaftswissenschaften hat. [10]

Seitenweise Negativeinträge im Internet

Zur 365 AG gibt es im Internet seitenweise Negativeinträge. Das Unternehmen betreibt neben Immergrün auch die Strommarken Idealenergie, Meisterstrom oder almado energy.

Doch so kreativ wie die 365 AG bei der Namensfindung ihrer Produkte ist, so wenig angesehen sind sie. So schreibt beispielsweise das Nachrichtenmagazin STERN im März 2017 unter der Überschrift "Die schwarzen Schafe unter den Stromanbietern":

"So gibt es unter den mehr als 1000 aktiven Stromanbietern in Deutschland nur drei, die es geschafft haben, in den vergangenen drei Jahren 500 oder mehr Reclabox-Beschwerden zu sammeln: ExtraEnergie mit seinen Untermarken Priostrom und HitStrom, Stromio inklusive Grünwelt und gas.de sowie die 365 AG (früher Almado), vertreten durch Immergün, Idealenergie und Meisterstrom. Auf Rang vier der Beschwerdestatistik liegt Care Energy, doch das Unternehmen musste kürzlich Insolvenz anmelden." [11]

Die Aufsichtsbehörde für Immergrün Energie ist, wie im Falle anderer Energieversorger auch, die Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen in Bonn.

Einzelnachweise:

[1] Strompreise in Deutschland von Strom Report, in: 1-stromvergleich.com, Abruf am 29. November 2018.

[2] So verstecken Abzock-Firmen Preiserhöhungen von Frank Ochse, in: bild.de vom 27. November 2018, Abruf am 29. November 2018.

[3] Preiserhöhungswelle bei Strom und Gas (Pressemeldung), in: Verivox.de vom 16. November 2018, Abruf am 29. November 2018.

[4] Fordern Sie den Sparfochs heraus von Frank Ochse, in: bild.de vom 06. April 2018, Abruf am 29. November 2018.

[5] Immergrün! Energie GmbH, in: energieanbieterinformation.de, Abruf am 29. November 2018.

[6] Immergrün, in: immergruen-energie.de, Abruf am 29. November 2018.

[7] Immergruen Energie von Trustpilot, in: trustpilot.com, Abruf am 29. November 2018.

[8] 365 AG: "Die Zeche zahlen die Stromkunden", Pressemitteilung vom 24.09.2015 auf pressebox.de.

[9] 365 AG Homepagevom 28. November 2018.

[10] Prof. Dr. Erwin Jan Gerd Albers, beziehungsweise Prof. Dr. Erwin Albers, Fachhochschule „Hochschule Magdeburg-Stendal“.

[11] Je günstiger, desto schlimmer: die schwarzen Schafe unter den Stromanbietern, In: STERN vom 17. März 2017. Abgerufen am 28. November 2018.

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